Künstliches Licht bei Nacht verändert unsere Welt
VON GREGOR KLAUS
Wenn es dunkel wird, bleibt das Licht. Kurz nach Sonnenuntergang gehen überall in den Gärten und an den Wegen Lampen an. Nachtinsekten werden von den künstlichen Lichtquellen angezogen, kreisen unablässig darum und werden so entweder leichte Beute für Fressfeinde – oder sterben vor Erschöpfung. Strassenlaternen sind oftmals so hell, dass sogar Amphibien ihre Wanderungen unterbrechen und einfach sitzen bleiben – bis sie überfahren werden.
Licht bei Nacht ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir seine Nebenwirkungen kaum wahrnehmen. Dabei gehört Lichtverschmutzung zu jenen Umweltveränderungen unserer Zeit, die besonders unterschätzt werden. Sie macht die Nacht zum Tag – mit Folgen für Tiere, Pflanzen und Menschen. Satellitenaufnahmen zeigen, wie rasant die Erde erhellt (Linares Arroyo et al. 2024). Seit 1994 haben sich die Lichtemissionen allein in der Schweiz mehr als verdoppelt (BAFU 2021). Schon Mitte der 1990er-Jahre existierte im Schweizer Mittelland kein einziger Quadratkilometer völliger Dunkelheit mehr. LEDs haben den Energieverbrauch zwar gesenkt, zugleich aber das Licht in alle Winkel getragen – auf Balkone, Terrassen, Skipisten, Kirchenfassaden und Kreisverkehre.
Ökologische Nebenwirkungen
Die Lebewesen haben sich im Laufe der Evolution an natürliche Lichtverhältnisse angepasst. Zeitpunkt, Qualität und Quantität des LIchts haben ein Gleichgewicht geschaffen. Viele Organismen reagieren sehr sensibel auf Licht in der Nacht. Die ökologischen Folgen sind vielfältig und tiefgreifend.
Nachtfalter – in der Schweiz mehr als 3600 Arten – verlieren beispielsweise durch künstliches Licht oft ihre Chance auf Fortpflanzung. 80 Prozent aller Insekten sind nachtaktiv, und ihr Verschwinden vollzieht sich meist unbemerkt. Fledermäuse, Säugetiere oder Zugvögel meiden beleuchtete Flächen, ihre Lebensräume werden zerschnitten (CMS 2024). Pflanzen wiederum öffnen oder schliessen ihre Blüten zum falschen Zeitpunkt, wodurch Bestäuber ausbleiben.
Die biologische Uhr ist allen Lebewesen eingeschrieben. Künstliches Licht bringt sie aus dem Takt. Bei Fischen sinkt die Melatoninproduktion (Hölker et al. 2023), bei Vögeln kommt es zu hormonellen Störungen. Was lokal beginnt, kann sich hochskalieren: von veränderten Verhaltensmustern über gestörte Artengemeinschaften bis hin zu beeinträchtigten Ökosystemleistungen.

Warum Dunkelheit wichtig ist
Alle Lebewesen – auch wir Menschen – brauchen den Wechsel von Tag und Nacht. Unser Körper schüttet erst in der Dunkelheit das Schlafhormon Melatonin aus. Fehlt es, leidet die Schlafqualität, und das Immunsystem wird geschwächt. Dauerhaftes Kunstlicht kann das Risiko für Krankheiten erhöhen. Gleichzeitig geht ein kulturelles Gut verloren: der Blick in den Sternenhimmel, die Erfahrung tiefer Nacht. Dunkelheit ist ein Naturwert. Immer mehr Menschen in der Schweiz haben die Milchstrasse noch nie gesehen.
Oft heisst es, gegen Lichtverschmutzung gebe es keine Regeln. Das stimmt nicht. Das Umweltschutzgesetz schützt explizit vor unnötigen Lichtemissionen, die SIA-Norm 491 setzt klare Richtwerte. Gemeinden können Dunkelkorridore definieren, wie es Genf, Lausanne oder St. Gallen schon tun. Rechtlich sind wir nicht im luftleeren Raum – was fehlt, ist die konsequente Umsetzung.
Zeit zum Handeln
Ohne Kunstlicht geht es nicht – aber wir können es intelligenter und achtsamer einsetzen. «Licht zur rechten Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Intensität» lautet die einfache Formel. Dazu gehören abgeschirmte Leuchten, Bewegungsmelder und die Reduktion von überflüssigen Beleuchtungen. Gedimmte LEDs sind für Tiere verträglicher und werden auch von Menschen als angenehmer empfunden. Und: Energieeffizienz ist nicht gleich Umwelteffizienz. Es nützt wenig, wenn LEDs Strom sparen, gleichzeitig aber ganze Landschaften dauerhaft erhellen.
Lärm wird heute als Umweltproblem ernst genommen – es gibt klare Schutzmassnahmen. Beim Licht hinken wir noch hinterher. An Best-Practice-Beispielen mangelt es nicht. Der Gewinn wäre enorm: Wir könnten Energie sparen, die Biodiversität fördern, die Gesundheit schützen und den Sternenhimmel zurückgewinnen. Nutzen wir Licht, wo es uns dient – und schenken wir die Dunkelheit zurück, wo sie das Leben erhält.
Gregor Klaus ist freier Wissenschaftsjournalist und Redaktor von HOTSPOT.
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- Das versteckte Leben der Nachtfalter
- Eine politisch-ökologische Perspektive auf Lichtlandschaften
- Ökologische Auswirkungen künstlicher Beleuchtung
- «Nachtdunkelheit für Ruhe und Erholung»
- Lichtemissionen im Umweltrecht
- Ökologische Bewertung von LED-Eigenschaften
- Klug beleuchten: Gesundheit, Sicherheit und Natur im Gleichgewicht
- Nachts erhellt – tags verarmt
- Dunkelheit: Eine wichtige Ebene der Ökologischen Infrastruktur
- Die Grafik zur Biodiversität

