TRAINING (2.5.1)

Die Zeitschrift des Forums Biodiversität widmet sich aktuellen Themen rund um die Biodiversität, welche Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Zweimal jährlich erscheint eine neue Ausgabe in Deutsch und Französisch.

Bild: C.Schüssler, stock.adobe.com

Editorial

Lukas Berger
Lukas Berger
Lukas BergerBild: Andres Jordi
Bild: Andres Jordi

«Abwärts wend’ ich mich
Zu der heiligen, unaussprechlichen
Geheimnisvollen Nacht –
Fernab liegt die Welt,
Wie versenkt in eine tiefe Gruft,
Wie wüst und einsam ihre Stelle!»
Novalis

Ich trete in den Garten hinaus, zwei Fledermäuse huschen mir dicht über den Kopf. Ich ducke mich unwillkürlich weg und muss lachen, dass sie mich überrascht haben. Es ist gegen halb zehn und bereits stark am Eindunkeln. Ich will zur Bank hinter dem Haus. Gleich unterm Nussbaum brummt und summt es dumpf aus einem Nistkasten. Hornissen haben sich dort einquartiert. Ihr Ab- und Anflug scheint mir lauter und hektischer als am Tag. Ich muss mich bereits auf den Weg konzentrieren, den ich nur schwach erkennen kann. Weiter hinten in den Tannen stottert ein junger Waldkauz seine Strophen in die Dunkelheit; er muss seinen Ruf noch lernen. Der Mond steht knapp über dem Hügel, die Sichel ist aber zu schmal, um mir Licht zu spenden. Hier säumen keine Laternen die Wege und Strassen, kaum ein Fenster leuchtet in der Nachbarschaft. Für Schweizer Mittellandverhältnisse ist es richtig dunkel.

Langsam nähere ich mich der Holzbank, setze mich hin und lausche. Heupferde zirpen in den Büschen, der kleine Bach gurgelt durch die Wiese. Auf der Kantonsstrasse im Tal rauschen die Fahrzeuge und bilden eine Leuchtspur am Abendhimmel. Ein Bauer zieht mit seinen Scheinwerfern die letzten Bahnen durch den Acker. Am Horizont im Westen schimmert es deutlich über der Stadt. Ein Motorrad dröhnt am Hang, sein Licht mäandert durch den Wald. Ich hebe meinen Blick und staune über die vielen Flugzeuge über mir, die sich blinkend zwischen die Sterne drängen. Auch sausen Dutzende von Satelliten durchs Firmament. Wüst und einsam ist es nicht. Und trotzdem ist sie immer noch geheimnisvoll, die Nacht.

Wer hat nicht schon nachdenklich in die Dunkelheit geschaut, den Nachthimmel bewundert? Die Unendlichkeit. Der Blick in die Sterne, der so vieles relativiert. Es ist gut, dass wir nicht nur den Tag haben. Die Welt, die zur Ruhe kommt – oder kommen könnte. Wie wäre es, wenn wir uns häufiger ins Dunkle setzten und den Gedanken freien Lauf liessen? Die Nacht lädt uns ein, die Hektik des Tages hinter uns zu lassen. Den Blick nach innen zu richten, zu uns selbst zu kommen. Sich den grossen Fragen zu widmen oder den kleinen Dingen, die wir bewirken können. Hoffen und träumen, dass wir Frieden schliessen, unter uns Menschen und mit der Natur.

Ein Insekt flattert mir ins Gesicht und holt mich aus meinen Gedanken zurück. Irgendein kleiner Nachtfalter. Es wird mir bewusst, wie wenig man von ihnen weiss. Wir Menschen sollten die Nacht nicht noch mehr zum Tag machen: Mit Rücksicht auf uns, mit Rücksicht auf die vielen Lebewesen, die auf Dunkelheit angewiesen sind.

Der Mond ist inzwischen hinter der Waldkuppe verschwunden. Es ist friedlich, aber mir ist plötzlich kalt. Ein Wind zieht auf und lässt die Bäume unheimlich flüstern. Ich stehe auf und mach mich auf den Rückweg. Schon bald stolpere ich und schimpfe vor mich hin. Etwas flüchtet in den Wald. Ein Reh, ein Fuchs? Ich höre es nur knacken. Vor dem Haus hebt sich mein Blick noch einmal zum Himmel. Wie bestellt huscht doch noch eine Sternschnuppe durch die Luft. Sie können sich vorstellen, was ich mir wünschte.


Lukas Berger ist Leiter des Forums Biodiversität Schweiz.