Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
Kombinierte Massnahmen zum Hochwasserschutz und zur Revitalisierung an der unteren Emme haben zu mehr Sicherheit, mehr Erholung und mehr Biodiversität geführt. Dank frühzeitiger Einbindung der Bevölkerung und kooperativer Lösungsfindung konnte ein nachhaltiges, ökologisch wertvolles Projekt realisiert werden, das bereits erste Erfolge zeigt und von der Bevölkerung positiv angenommen wird.
VON GABRIEL ZENKLUSEN
Die beiden Hochwasser 2005 und 2007 offenbarten den wasserbaulichen Handlungsbedarf auf den letzten 6,4 km der Emme vor der Mündung in die Aare und führten zwischen 2010 und 2020 zu zwei grossen Projekten mit einem gemeinsamen Grundkonzept: Hochwasserschutz kombiniert mit einer Aufwertung der Flusslandschaft als Erholungsraum für Menschen und einer Wiederbelebung des Gewässerlebensraums für Tiere und Pflanzen - ganz nach dem Motto: mehr Sicherheit, mehr Erholung, mehr Natur.
Um diese Ziele zu erreichen, störten Bauarbeiten während einiger Jahre die Ruhe an der Emme. Bäume fielen, Bagger fuhren auf und die Flusslandschaft erhielt ein neues Gesicht. So wurde das Flussbett auf über 80 Prozent der Strecke aufgeweitet; zusätzlich entstanden 8,4 ha aktive Auen.
Funktionsfähige Flusslandschaft
Wegen den flussnahen Siedlungsgebieten und Infrastrukturen besteht entlang der Emme ein hohes Schadenspotenzial. Die Ufer wurden deshalb vielerorts mit einem Blocksatz gesichert. Damit sich dennoch wertvolle Uferlebensräume und ein attraktives Landschaftsbild entwickeln können, wurden mit ingenieurbiologischen Massnahmen u. a. 5500 m3 grobes Astwerk, 1100 m3 ausschlagfähige Weiden, 2000 Wurzelstämme und 1600 ausschlagfähige Wurzelstöcke eingebaut. Sämtliches Material stammte aus dem Projektgebiet oder dem unmittelbaren Umfeld. Dadurch konnten Materialtransporte minimiert werden. Wo möglich wurden die Ufer ausschliesslich mit ingenieurbiologischen Massnahmen gesichert. So liessen sich teilweise Ufer realisieren, die sich eigendynamisch verändern und entwickeln können. Gleichzeitig konnten die Investitionskosten vermindert werden: Hart verbaute Ufer sind in der Regel vier- bis achtmal teurer als ingenieurbiologisch gesicherte Ufer.
Die Verbreiterung des ehemals begradigten und kanalisierten Flussbetts löst verschiedene morphologische Prozesse aus. Der augenfälligste Prozess ist die Bildung von Kies- und Sandbänken. Sie teilen den Fluss in mehrere Arme auf, die sich bei jedem Hochwasser verlagern. So schiesst das Wasser mal über kleinere Schnellen, mal fliesst es träge durch lokale Vertiefungen. Von diesen unterschiedlichen Lebensraumbedingungen profitieren viele Organismen. Strömungsliebende Fischarten wie Forellen, Äschen, Barben oder Nasen brauchen Laichplätze mit lockerem Kies. Kleinere Fische sowie wirbellose Wasserlebewesen bevorzugen ruhigere Wasserbereiche, die sie selbst bei hohem Abfluss vor Abdrift bewahren. Die Kies- und Sandbänke sind Brutrevier von Vögeln wie dem Flussregenpfeifer oder dem Flussuferläufer, während Eisvögel ihre Brutröhren in Uferböschungen anlegen. Auf den Kies- und Sandbänken gedeihen auentypische Pflanzen. Wenn darüber hinaus auch eigentliche Überflutungsflächen vorhanden sind, und das ist entlang der unteren Emme mittlerweile an zwei Stellen der Fall, können dort Weichholz- oder Hartholz-Auenwälder entstehen.
Zusätzlich zur Aufwertung der Lebensräume lag ein Fokus auf deren Vernetzung. Fünf Abstürze («Schwellen») beziehungsweise glatte Rampen wichen Vollrampen mit Riegel-Becken-Struktur oder fischgängigen Teilrampen. Ebenso wurde die Fischgängigkeit am Wehr Biberist wiederhergestellt. Um Nahrung zu suchen, zu laichen, Wintereinstände aufzusuchen oder um sich bei widrigen Bedingungen zurückzuziehen, sind Fische und andere Wasserlebewesen darauf angewiesen, sich frei bewegen zu können. Seit den Bauarbeiten ist dies in der Solothurner Emme uneingeschränkt möglich. Damit wurde ein grosses Defizit, das mit der grossen Gewässerkorrektion im 19. Jahrhundert entstanden war, behoben. Zusätzlich wurde der sommerkühle Dorfbach, das grösste Nebengewässer im Projektgebiet und wichtiges Rückzugsgebiet für Fische in Hitzeperioden, durch eine Riegel-Becken-Rampe an die Emme angebunden.
Einvernehmliche Lösungen
Das Projekt tangierte vor allem bewaldete Gebiete sowie Deponieflächen, die zum Teil ohnehin saniert werden mussten. Der wirtschaftliche Druck war deshalb viel geringer als bei Bauvorhaben in landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Die Bauherrschaft lud betroffene Waldeigentümer, meist Bürgergemeinden, frühzeitig zu Informationsveranstaltungen ein und informierte über Projektmassnahmen und deren Auswirkungen auf die Waldflächen. Es gelang in Gesprächen, einvernehmliche Lösungen zu finden, sodass der Kanton die beanspruchten Flächen zu üblichen Marktpreisen erwerben konnte. Enteignungen waren zu keinem Zeitpunkt ein Thema.
Um zu prüfen, ob die angestrebten Schutz- und Entwicklungsziele erreicht werden, sind Wirkungskontrollen im Nachgang an ein Hochwasserschutz- und Revitalisierungsprojekt wichtig. Auch an der Emme sind Wirkungskontrollen geplant, deren Resultate mit der Basisaufnahme vor Baubeginn verglichen werden.
Auch ohne systematische Kontrollen fallen bereits erfreuliche Entwicklungen auf: Der Flussregenpfeifer hat die neuen Kiesinseln entdeckt und bereits im Frühsommer 2021 dort seine Eier abgelegt. Zudem haben Fischer Laichgruben von Bachforellen gemeldet. Im Bereich Biberist-Gerlafingen haben Naturinteressierte die seltene Tamariske entdeckt. Das Projekt trifft aber auch in der Bevölkerung auf grosse Zustimmung und wird rege zur Naherholung genutzt. Erst im Laufe der Zeit wird sich zeigen, ob das Hauptziel - der Schutz auch bei Jahr- hunderthochwassern - erreicht wird. Dieser Härtetest darf sich aber ruhig noch etwas Zeit lassen, bis die meist ingenieurbiologisch gestalteten Ufer genügend eingewachsen sind.
Dank intensiver Einbindung der Bevölkerung und guter Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte an der Emme ein in vielerlei Hinsicht einmaliges Projekt realisiert werden, das die gesetzlichen Gewässerschutzvorgaben deutlich übertrifft. Es geht dabei nicht nur um Wasser, sondern um eine funktionsfähige Flusslandschaft, um Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Tieren, Ökosystemen, um Menschen und um die wirtschaftliche Nutzung. Das abgeschlossene Projekt bringt etwas, das bei Weitem nicht immer gelingt: eine Win-win-Situation für alle.
Gabriel Zenklusen ist Kulturingenieur ETH und Chef des Amts für Umwelt beim Kanton Solothurn.
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