Biodiversität mitdenken ist schlau
VON GREGOR KLAUS
Die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandprodukts (= 44 Billionen US-Dollar in 2020) sind moderat bis stark von der Biodiversität und den von ihr bereitgestellten biologischen Prozessen und Ökosystemleistungen abhängig (WEF 2020). Untrennbar mit der Biodiversität verbunden sind beispielsweise die Wasserverfügbarkeit, die Ernährungssicherheit und die Gesundheit. Der Weltbiodiversitätsrat hat dies eindrücklich dargelegt (IPBES 2024). Ein ganzheitlicher Ansatz, der die vielfältigen Verbindungen zwischen Natur und Gesellschaft miteinbezieht, hat demnach grosse Vorteile für alle. Entscheidungen zur Förderung der Biodiversität können Synergien mit anderen Politikfeldern schaffen – sei es durch nachhaltige Landwirtschaft, naturbasierte Lösungen zur Klimaanpassung oder den Schutz von Ökosystemen als Quelle sauberer Luft und gesunden Wassers.
Zielerreichung mit Biodiversität
Trotz dieser positiven Wechselwirkungen werden Massnahmen zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen oft getrennt voneinander entwickelt, was zu ineffizienten Ressourcennutzungen, ungewollten Zielkonflikten und vermeidbaren sozialen und ökologischen Kosten führt. Eine bewusste Nutzung von Synergien kann dagegen Fortschritte bei globalen Entwicklungszielen wie den Sustainable Development Goals (Obrecht et al. 2021), dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework und dem Pariser Klimaabkommen ermöglichen.
Naturbasierte, integrative Lösungen sind zahlreich und vielfältig, wie die Artikel in diesem HOTSPOT stellvertretend für die stetig steigende Anzahl an Projekten und Initiativen zeigen. Und was sich im Kleinen bewährt, kann auch im Grossen funktionieren:
- Naturbasierte Lösungen wie das Zulassen von natürlicher Dynamik erhöhen die Widerstandskraft und Regenerationsfähigkeit des Waldes gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels.
- Intakte Ökosysteme liefern hochwertiges Trinkwasser.
- Biodiverse Gemeinschaftsgärten im Siedlungsraum sind lebendige Begegnungsorte, die Generationen und Kulturen verbinden. Sie fördern den sozialen Austausch, stärken das Gemeinschaftsgefühl und schaffen zugleich wertvolle Rückzugsräume für Mensch und Natur.
- Gehen Sicherheit und Biodiversität beim Hochwasserschutz Hand in Hand, profitiert die Bevölkerung von zahlreichen wertvollen Ökosystemleistungen.
- Biodiversität bringt Wertschöpfung und Arbeitsplätze in ländliche Gebiete und ist eine unentbehrliche Gesundheitsressource.
- Für Unternehmen sind biodiverse Umgebungsflächen eine attraktive Visitenkarte. Sie bieten Stadtbewohnenden Naturerlebnisse und vielen Organismen einen neuen Lebensraum.
- Eine vielfältige und standortgerechte Landwirtschaft sichert langfristig die Produktion.
Mehr als die Summe der Teile
Direkt vor den Haustüren der Menschen sind naturbasierte Lösungen besonders wichtig. Extreme Wetterereignisse nehmen zu – Starkregen führt zu Überschwemmungen, Hitzewellen belasten Stadtbewohnende. Teiche sind Teil der naturbasierten Lösungen. Klug gestaltet können sie die verschiedenen Vorteile der Wasserregulierung, des Mikroklimas oder der Erholung kombinieren (siehe S. 22). Das schützt nicht nur vor Überschwemmungen, sondern hält auch die Stadt im Sommer kühler. Wird Biodiversität beim Flächenmanagement miteinbezogen, erhöhen sich die vielfältigen Vorteile deutlich (Perrelet et al. 2023).
Eine bewusste Nutzung von Synergien zwischen Biodiversität und gesellschaftlichen Zielen ist ganz offensichtlich weit mehr als eine naturnahe Alternative zu konventionellen Ansätzen – sie ermöglicht vielfältige Win-win-Situationen, die Natur und Mensch gleichermassen zugutekommen und erhebliche gesamtgesellschaftliche Mehrwerte bieten, die mehr als die Summe der Teile ergeben.
Das Potenzial nutzen
Noch sind diese Synergieeffekte in der breiten Gesellschaft nicht ausreichend angekommen. Die Herausforderung ist es nun, naturbasierte Lösungen als Querschnittsthema in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig zu verankern. Anstatt Biodiversität als isoliertes Umweltthema zu betrachten, sollte das Potenzial systematisch in gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungsstrategien integriert werden.
Es lohnt sich, Biodiversität im Rahmen eines dringend notwendigen transformativen Wandels nicht nur als Ziel, sondern als Lösung für viele Herausforderungen mitzudenken. Wer in Biodiversität investiert, investiert in eine widerstandsfähige, zukunftsfähige und lebenswerte Zukunft.
Gregor Klaus ist freier Wissenschaftsjournalist und Redaktor von HOTSPOT.
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Editorial
- «Es braucht weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit»
- Henniez: Biodiversität als Trumpf für das Geschäft
- «Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden»
- Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
- Gemeinsam aktiv: Firmeneinsätze in Schweizer Pärken
- Natürlich gesund
- Die naturnahe Bank - ein Leuchtturmprojekt für Biodiversität im Siedlungsraum
- «Zufriedene Mitarbeitende sind für Unternehmen wertvoll»
- Städtische Teiche für Menschen und Natur
- Die Grafik zur Biodiversität

