Editorial

Die Biodiversitätskrise ist noch lange nicht überwunden. Trotz beachtlicher Fortschritte hinkt die Schweiz bei ihren Bemühungen, den Rückgang der Natur zu begrenzen, ihren Nachbarn hinterher. Politische oder gesetzgeberische Lösungen, die allzu oft als restriktiv empfunden werden, überzeugen die Mehrheit nur schwer, während wirtschaftliche Überlegungen häufig Vorrang haben vor der ökologischen Dringlichkeit. Gleichzeitig ist die Schweizer Bevölkerung aber sensibilisiert für Umweltfragen und strebt nach nachhaltigen Lösungen. Die Herausforderung besteht darin, eine klare Vision für die Zukunft zu bieten und alle Akteurinnen und Akteure für konkrete Lösungen zu gewinnen.
Um aus dieser schwierigen Situation herauszufinden, muss man auf Synergien setzen. Einerseits kann die Wirtschaft nicht ohne Biodiversität funktionieren: Gesunde Ökosysteme, sauberes Wasser oder auch fruchtbare Böden sind unverzichtbar für unseren Wohlstand. Andererseits eröffnet der Schutz der Biodiversität auch Möglichkeiten für Zusammenarbeit und Innovation. Pilotprojekte in der Schweiz zeigen, dass sich oft Win-win-Lösungen für Natur und Gesellschaft ergeben, wenn private Akteurinnen und Akteure, Forschende und Behörden ihre Kräfte bündeln. Die Auswirkungen des Klimawandels durch die Renaturierung von Flüssen mildern, natürliche Vegetation zur Rückhaltung von Schadstoffen nutzen, vielfältige und attraktive Landschaften für den Tourismus fördern oder auch auf erneuerbare Versorgungsstrategien setzen: Beispiele gibt es viele!
Bei meiner landschaftsökologischen Forschungsarbeit ist mir immer bewusst, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden müssen. Nur so können Strategien entstehen, die Naturschutz und menschliche Aktivitäten miteinander vereinbaren. Um überzeugen zu können, müssen klare und messbare Ziele definiert, einfache und wirksame wirtschaftliche Anreize geschaffen und die schlüssigen Erfolge von Pilotprojekten hervorgehoben werden. Diese Erfolge können dazu beitragen, dass längerfristig breiter gefasste Lösungen entwickelt werden, sodass widerstandsfähigere und artenreichere Schweizer Landschaften bis 2050 vorstellbar werden.
Unsere Verfassung räumt dem Umweltschutz einen zentralen Platz ein, und die Mehrheit der Bevölkerung ist sich bewusst, dass dies ein gemeinsames Ziel ist. Statt nur auf Einschränkungen zu setzen, sollten wir Wege der Zusammenarbeit und der Innovation anbieten, den Dialog fördern und ehrgeizige Projekte unterstützen. Das Forum Biodiversität bietet eine wichtige Plattform, um öffentliche, private und wissenschaftliche Akteurinnen und Akteure rund um die gemeinsame Gestaltung eines nachhaltigen Managements unserer Landschaften und ihrer Ressourcen zu vernetzen. Das ist das Ziel dieses Forums für die kommenden Jahre: Sensibilisieren, informieren und vor allem neue Formen von Partnerschaften erforschen, um konkrete Lösungen zu entwickeln. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen dieser Ausgabe von HOTSPOT.
Loïc Pellissier ist Präsident des Forums Biodiversität Schweiz.
Fokus dieser HOTSPOT-Ausgabe
- Biodiversität mitdenken ist schlau
- «Es braucht weniger Aktivismus im Wald, dafür mehr Naturprozesse und Gelassenheit»
- Henniez: Biodiversität als Trumpf für das Geschäft
- «Für viele ist der Garten zu einem sozialen Fixpunkt geworden»
- Weitblick für eine sichere und lebendige Emme
- Gemeinsam aktiv: Firmeneinsätze in Schweizer Pärken
- Natürlich gesund
- Die naturnahe Bank - ein Leuchtturmprojekt für Biodiversität im Siedlungsraum
- «Zufriedene Mitarbeitende sind für Unternehmen wertvoll»
- Städtische Teiche für Menschen und Natur
- Die Grafik zur Biodiversität

